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„Die
Fans sind mein Personenschutz“
Ernst
Middendorp fordert von der FIFA neues Kartenkonzept für
die WM 2010 in Südafrika.
Von
Axel Rothkehl, Neue Osnabrücker Zeitung
JOHANNESBURG.
NOZ: Die Kriminalität nimmt in Johannesburg weiter zu. Überfälle
auf der Straße und Kidnapping gehören zum Alltag. In Dubai, wo einige
deutsche Trainer in der Sonne braten, hätten sie es bequemer.
EM: Johannesburg
ist eine sensationelle Stadt - sicher mit einem Schuss weit Kriminalität.
Hier kann ich nicht mal eben zu Fuß zum Essen gehen, auch wenn
das Restaurant nur ein paar hundert Meter entfernt ist.
Haben
Sie Angst?
Mein
Trainerteam und ich sind hier überall bekannt. Den Personenschutz machen
rund um die Uhr unsere Fans. Ich habe mich für Johannesburg entschieden,
weil die Fußballbegeisterung in Südafrika unvorstellbar ist.
Woher stammen Ihre
Spieler?
Manche kommen direkt aus Soweto.
Einer ist aus Uganda und hat schon in den USA studiert. Viele verkörpern
das reine Fußballer-Image: „Gegen den Ball und das andere interessiert
mich nicht.“ Die meisten Spieler sind noch mit der Apartheid aufgewachsen.
Ich muss ihnen ständig vermitteln, dass ich auf ihrer Seite stehe. Das
ist pädagogische Arbeit, denn ich will ja auch etwas von meiner Mannschaft
einfordern. Gerade mit lauten Ansprachen habe ich vorsichtig zu sein.
Bei Arminia Bielefeld
sollen sie einer der lautesten Trainer gewesen sein…
Ach, das war 1988 in der Oberliga
und der Verein war eigentlich Konkurs und hatte deshalb keine Zeit. In der
Truppe wurde sehr hart gearbeitet und alle Probleme direkt angesprochen. Da
gab es Spieler, die haben 500 Mark verdient, von dem die Hälfte für
das Benzin zum Training draufging. Wie zum Beispiel Jörg Bode aus Melle,
der noch eine Klempnerlehre gemacht hat.
Wie sicher ist Ihr
Job in Südafrika?
In meinen ersten Monaten haben
die Kaizer Chiefs geschwächelt. Wir haben kaum etwas gewonnen. Doch die
Klubführung weiß genau: Eine Mannschaft braucht Zeit, bis die Maßnahmen
fruchten. Am Ende holten wir Platz drei in der Meisterschaft und den nationalen
Pokal. Wir Kaizer Chiefs sind so etwas wie der FC Bayern von Südafrika.
Da kann ich nicht über Ziele diskutieren, sondern muss wissen: gewinnen,
gewinnen, gewinnen.
Und die Presselandschaft?
In Deutschland war Ihr Verhältnis zu den Medien nicht unproblematisch.
Man lernt im Laufe der Zeit,
nicht auf jede Provokation der Medien anzuspringen. Ich habe inzwischen auch
ein Fernstudium für PR absolviert. Im Live-Interview kann auch der Journalist
nur gewinnen oder verlieren. Das muss ich als Trainer wissen.
Wie wichtig sind für
deutsche Auslandstrainer die Erfolge der DFB-Elf.
Der Gewinn der Europameisterschaft
Griechenlands mit Otto Rehhagel war das Beste, was uns passieren konnte. Das
bringt enorm viel für das Ansehen. Auch wie sich die deutsche Mannschaft
bei der WM verkauft hat – das sind auch für uns große Momente.
Es ist gleichermassen die beste PR fuer jeden Trainer, der im Ausland arbeitet
oder arbeiten möchte. Neid ist hier definitiv unangebracht.
Die südafrikanische
Nationalmannschaft scheint von jedem Erfolg weit entfernt. Bei der Afrikameisterschaft
holte sie weder Punkte noch Tore.
Zuletzt wurden Spieler zur
Nationalmannschaft eingeladen, die bei uns im Verein nicht einmal unter den
ersten 18 sind. So etwas darf nicht sein. Carlos Alberto Parreira ist endlich
ein Nationaltrainer, der Wert auf den Austausch mit den Ligatrainern legt.
Allein in den letzten Tagen habe ich ihn zweimal zu Gesprächen getroffen.
Parreiras Vertrag ist so hoch dotiert, dass der Verband sich einen Rausschmiss
gar nicht leisten könnte. Ich freue mich, bei den Kaizer Chiefs die Nationalspieler
auszubilden. Unser Torwart Rowen Fernandez ist auf gutem Weg zur nationalen
Nummer eins. Und es gibt noch andere Spieler in meinem Kader.
Südafrikas Fußball hat das Potenzial, wie 2002 Südkorea mit
Guus Hiddink, in kurzer Zeit eine starke Mannschaft aufzubauen. Und alles mit
Hilfe des eigenen Publikums.
Südafrikaner können
sich die teuren WM-Tickets doch gar nicht leisten? Ein Ligaspiel kostet dagegen
nur ein paar Euro.
Andere Verkaufsmodelle sollen
her. Dafür ist die FIFA verantwortlich. Große Unternehmen müssen
die Karten subventionieren. Aber keine Sorge: Die Stadien werden in vier Jahren
voll sein.
Ständig ist die
Rede von Problemen bei der WM-Organisation.
Südafrika schafft das.
Hier gelang schon die erste Herztransplantation und es fanden Rugby-Weltmeisterschaften
statt. Veranstalter ist außerdem nicht das Land, sondern die FIFA.
Ernst Middendorp war
in Deutschland Trainer bei Arminia Bielefeld, Bayer Uerdingen, VfL Bochum und
dem FC Augsburg. Seine internationale Karriere begann er 1999 in Ghana und
setzte sie im Iran fort. Dort arbeitete Middendorp mit dem Assistenten Frank
Eulberg zusammen. Seit 2005 trainieren die beiden Kaizer Chiefs in Johannesburg.
September 16 2006, Axel
Rothkehl, Neue Osnabrücker Zeitung, click to download entire
interview as pdf, scanned from the newspaper(*.pdf, 1,4 mb)
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